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  • Marith Vinzenz

Allen Hindernissen zum Trotz: Glikl bas Judah Leib

Der zweite Teil der Sendung mit meiner Gastautorin Viola Roggenkamp war den "Memoiren" der Glikl bas Judah Leib gewidmet, die posthum als Glückel von Hameln bekannt wurde.


Glikl war eine jüdische Kauffrau, die in Hamburg im Jahr 1645 geboren worden war. Ihr Vater war der Juwelenhändler Judah Löb, auch Pinkerle genannt, der sich seit den 1620er Jahren das Recht erkauft hatte, in Hamburg zu leben und Handel zu treiben. Glikls Mutter war Bele, eine geborene Ellrich, die durch das Klöppeln von Gold- und Silberspitzen einen zusätzlichen Erwerbszweig für die Familie aufgebaut hatte. Im Jahr 1649, kurz nach dem Ende des 30-Jährigen Krieges, widerrief die Hamburger Bürgerschaft das Wohnrecht für Juden in Hamburg - vermutlich aus Angst vor wirtschaftlicher Konkurrenz. Die Familie Pinkerle musste deswegen überstürzt die Freie Reichsstadt verlassen, um in der nahe gelegenen dänischen Altonaer jüdischen Gemeinde - mit etwa fünfundzwanzig Familien - Unterkunft zu suchen und zu finden. Als 1657, nach nur acht Jahren, schwedische Truppen in Altona einfielen, floh Glikls Familie erneut - diesmal wieder in die entgegengesetzte Richtung - zurück nach Hamburg. Sie erhielten dort eine Erlaubnis, sich niederzulassen und wieder Handel zu treiben, allerdings ohne richtiges Wohnrecht. Auch durften Juden immer noch keine Synagoge in Hamburg errichten und blieben deswegen heimlich zum Beten entweder in ihren Wohnungen oder machten sich auf den Weg nach Altona ins Bethaus, wie Glikl schrieb.

Schon mit zwölf Jahren wurde sie verlobt und als Vierzehnjährige mit Chaijm von Hameln, aus angesehener sephardischer Familie, in seinem Heimatort verheiratet. Nach einem Jahr zogen die jungen Eheleute zurück nach Hamburg, wo denn auch ihr erstes von insgesamt vierzehn Kindern geboren wurde. Das glückliche Ehepaar verbrachte ein Jahr bei Glikls Eltern bevor sie sich ein eigenes Haus im Ashkenazy-Viertel der Neustadt nahe der Elbe mieteten und gemeinsam ihren eigenen Juwelen, Perlen- und Goldhandel etablierten. Das Paar schloss Handelsverträge von Moskau und Danzig bis Kopenhagen, Amsterdam und London ab. Chaijm fuhr regelmäßig zu den Messen nach Leipzig und Frankfurt bis er zusätzlich jüdische Handelsdiener und Geschäftspartner für diese Reisen einsetzte. Die Geschäftsreisen waren gefährlich, wie wir aus Glikls "Memoiren" erfahren, insbesondere für Juden. Immer wieder kam es zu Übergriffen, zu Überfällen und sogar zu Mord. Aber Glikls vorbildliche Ehe kam aus ganz unerwarteten Gründen zu einem jähen Ende, als nämlich Chaijm im Januar des Jahres 1689 völlig unvermutet auf einem Geschäftsgang in Hamburg stürzte und dabei so unglücklich fiel, dass er nur wenige Tage später verstarb. Glikl übernahm die Geschäfte, wie es Chaijm auf seinem Totenbett verfügt hatte und baute den Juwelen- und Goldhandel noch zusätzlich mit anderen Handelsgütern aus. Sieben von ihren acht bis dahin unverheirateten Kindern brachte sie im Laufe der kommenden Jahre durch eine clevere Heiratspolitik in den angesehensten und reichsten Ashkenazy-Familien unter die Haube.

Im Jahr 1691, also zwei Jahre nach Chaijms Tod, begann sie mit ihren Aufzeichnungen, die die Historikerin Natalie Zemon-Davis auch ihr “moralisches Testament” an ihre Kinder nennt. Die Kinder sollten wissen, von welchen Leuten sie herstammen und auch, was genau ihr jüdisches Vermächtnis sei. Dafür entlehnte Glikl Geschichten aus der "Heiligen Schrift", dem "Talmud", dem "Midrasch" und der religiösen Literatur, die speziell für Frauen geschrieben wurde, etwa die von Jakob ben Isaac Aschkenazi. Aber auch aus Quellen, wie die deutsche "Universalgeschichte” aus der Feder eines Dominikaners oder schlichtweg aus Zeitungen scheinen ihre illustren Geschichten zu stammen, die sie gekonnt spannend, wie Cliffhanger einsetzte.

Glikls Lebensgeschichte ist in sieben Bücher gegliedert, wie die sieben Lebensjahrzehnte auf die des Menschen Leben gesetzt ist und zeugt von ihrer ernsthaften Absicht als Autorin, diese in drei Jahrzehnten zu Papier zu bringen - bis zum Jahr 1719 in Metz. Dort brachte sie in zweiter Ehe zu dem Bankier Hirsch Levy ihr Leben langsam zu Ende, reflektierte auch die unglücklichen Begebenheiten seines Konkurses und schließlich seinen frühen Tod. Nach Glikls eigenem Tod im Jahr 1724 fertigte ihr Sohn Moses eine Abschrift an, die uns überliefert ist und die von der Autorin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, einer entfernten Verwandten von Glikl, im Jahr 1910 übersetzt wurde.


Lesen Sie die bewegenden "Memoiren" der Glikl bas Judah Leib selbst über den/die angegebenen Links hier, in der "Galerie", der "Sendungsinfo" - oder hören Sie uns einfach zu:

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* Bild von Bertha Pappenheim in der Tracht von Glikl bas Judah Leib




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